Ich lag schlaflos in dem großen, weißbezogenen Bett des idyllischen Landgasthauses und rotzte vor mich hin, die Nase total zu, das Taschentuch patschnass. Wieso nur hatte ich die chemosterile Industriestadtluft gegen diese pollenverseuchte Landluft eingetauscht? Wieso nur hatte ich es mir angetan, massenhaft Kalorien zu unchristlich späten Tageszeiten in mich hineinzustopfen und danach bei Merlot und Riesling bis in die Puppen auszuharren, um den alten Geschichten zu lauschen, die immer dieselben sind? Weil, nun ja, weil ich an einem Klassentreffen zum Gedenken des Abiturs vor 45 Jahren teilnahm. Dieser Markstein im Leben der nun Versammelten liegt in einer schwäbischen Kleinstadt, die sich durch einen toten Dichter auszeichnet, der eine Mehrgenerationentragödie glorifizierte und durch einen noch lebenden Fraktionsvorsitzenden einer Regierungspartei, der mich immer, wenn er in der Öffentlichkeit etwas zu sagen hat, wegen seines Dialekts an meine Abistadt denken lässt. An eine Stadt, zu der ich eigentlich gar keine Beziehungen mehr habe, die aber dennoch alle Jubeljahre eine persönliche Rolle spielt und zwar immer dann, wenn die beiden Ex-Klassensprecher zur Gedenkfeier und Kontaktpflege einladen.
Diesmal fernab dem Ort des seinerzeitgen Geschehens, in der stillen Abgeschiedenheit einer Edelmühle mitten in der Toskana Deutschlands. Still war es an diesem Abend jedoch nicht. Nicht nur wegen des Geschwätzes und Gelächters der Spätpennäler, sondern wegen einer Hochzeit, die parallel stattfand. Spätestens als deren Gäste zum trendigen Partyschwof übergingen und die Leistungskraft einer modernen Verstärkeranlage demonstrierten, war es schwierig, den alten Geschichten zu lauschen, auch deshalb, weil die Bedienung die Verbindungstür zu den gegensätzlichen Veranstaltungen immer wieder aufstehen ließ.
Wegen dieser alten Geschichten bist du also hier, frug ich mich so gegen 2 Uhr nachts. Wegen der Geschichten von Lehrern die ungerecht waren, Mist gemacht hatten, aber auch von denen die freundlich, gerecht und sympathisch waren, gute Noten verteilt und so unsterblich wurden. Von Mitschülern, mit denen man sich gut verstanden hatte, an die man schon öfters mal gedacht hatte und die nun wieder leibhaftig vor einem saßen. Aber auch von Mitschülern, die man eigentlich schon längst vergessen hätte, wenn ihre Namen nicht noch auf alten Listen stünden oder sich seltsamerweise in die Großhirnrinde eingraviert hätten. Von Ereignissen, die Höhepunkte des Schullebens darstellten: ein gemeinsamer Kochkurs, ein Sportfest, ein Aufenthalt in Bad Liebenzell, weil der Klassenlehrer die Anmeldung für die eigentlich vorgesehene Bildungsfahrt nach Berlin kurz nach dem Mauerbau, versiebt hatte. Aber auch wegen Geschichten der damals alltäglichen Normalität, wie dem illegalen Skatspielen der Fahrschüler - kaum zu glauben, aber es war verboten und Fifi, der Physiklehrer, konfiszierte die Karten gnadenlos, wenn er uns erwischte - bis zu den Legenden von weiterverkauften Pausenbroten, Handballturnieren, gemeinsamen Tanzstundenerlebnissen und nachmittäglichen Treffen im Eiscafe Venezia.
Die, die damals zusammengluckten, saßen auch jetzt wieder am selben Tisch, die die damals schon nicht im persönlichen Fokus standen, spielten auch jetzt keine wichtige Rolle. Die mit der großen Klappe waren auch jetzt nicht die schweigsamsten und die grauen Mäuse waren nicht viel farbiger geworden. Seltsam, wie sich so manches über die Zeiten hält oder ist das ganz normal? Viel Neues erfährt man von seinen Mitschülern ohnehin nicht, die Zeit seit den gemeinsamen Tagen scheint fast ausgeblendet. Klar, man will wissen, was einer die ganzen Jahre gemacht hat, welchen Beruf er erlernt und wo er ihn dann ausgeübt hat und, vor allem für die Frauen wichtig, wie sich der Familienstand entwickelt hat. Viele wurden Lehrer und sind nun schon Pensionäre. Sie scheinen die Berufsphase ohne großen Frust, ohne burn-out Syndrome überstanden zu haben, jedenfalls sprachen sie nicht darüber. Bemerkenswert, dass viele mit Ehepartnern kamen, mit denen sie schon sehr lange zusammen sind und die, an kleinen Anzeichen abzulesen, immer noch einen harmonischen Eindruck vermitteln und gemeinsame Aktivitäten ausüben. Nicht selbstverständlich heutzutage. Viele haben auch schon Enkel.
Vom äußeren Erscheinungsbild, nicht dem Dresscode, gab es bei diesem Treffen kaum Anlass zur Besorgnis. Nun ja, der eine hat dies Leiden, der andere jenes, der eine kann schlecht gehen, der andere hat zuviel Pfunde und bemüht sich, sie mit genialen Rezepten abzubauen und es gab auch schon Anzeichen von Desorientierung. Aber schlecht dran sind vermutlich nur die, die nicht gekommen sind, die wegen der Gesundheit nicht mehr kommen konnten oder die, die sich immer noch selbsternannten Stress aufgeladen haben und unabkömmlich waren.
Da es sich nicht um die erste Veranstaltung dieser Art handelt, kann man auch konstatieren, dass es im Wesentlichen immer die selben sind, die kommen. Bei einigen schien es schon direkt nach dem Abi undenkbar zu sein, dass man sie jemals wieder sehen würde, andere hatten sich an dem Treffen interessiert gezeigt und durchaus glaubwürdige Entschuldigungen für ihr Nichterscheinen genannt. Zumindest einer war aber auch schon so schusselig, dass er den Termin einfach verpennt hatte, wie er zugab. Es wurden auch Pläne für die Zukunft geschmiedet. Wir haben ja noch ein paar Anläufe, bevor sich rein statistisch die Zahl derer, die tatsächlich nie mehr kommen können, deutlich erhöhen wird.
Was ist nun an den alten Geschichten so faszinierend, dass man immer wieder solche Begegnungen sucht? Vielleicht die Suche nach einem Stück Jugend, nach Bestätigung von Ereignissen, die sich längst verklärt und mystifziert haben? Das gemeinsame Mobilisieren von Endorphinen, die glücklich machen? Die Bestätigung der Rolle, die man damals schon gespielt hatte? Das für kurze Momente wieder selbstverständlich gewordene „Du komm mal, mach mal, weißt du noch, geh mal vor.“ Und wenn man dann nach einer bescheuerten Nacht aufwacht und froh ist, dass das Leben doch nicht so schlimm ist, wie es sich manchmal darstellt, wenn man gemeinsam opulent frühstückt und im seligen Glück der versonnten Vergangenheit durch eine mediterran anmutende Kleinstadt wandert, dann, ja dann nimmt man sich vor, auch beim nächsten Mal wieder dabei zu sein, um den alten Geschichten zu lauschen, die immer wieder neu sind und selbst kräftig an der Legendenbildung mitzuwirken.
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