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Hitzetod in Athen

 

Heiße Luft liegt auf der heißen Stadt. Das gleißende Licht des späten Nachmittags steigert die gefühlte Hitze über die gemessenen 40 Grad noch weit hinaus. Der Verkehrslärm am Syntagmaplatz ist ungebrochen: unzählige Autos, brummende Busse, gelbe Taxis röhrenden Motorräder. Ein Polizist versucht den Blechfluss zu bändigen. Er steht mitten auf einer Kreuzung und schwenkt seine Arme. Seltsamerweise folgen die hupenden, anfahrenden, abbremsenden, stinkenden Vehikel, die spärlichen Radfahrer und die ungeduldig an den Ampeln wartenden Fußgänger seinen Gesten. Gerade hatte der Streik der Transportarbeiter-gewerkschaft geendet, Metro, Busse, Straßenbahn, alles fährt wieder. Die Menschenmassen stehen an den Bushaltestellen in Fünfer- und Sechserreihen: junge Menschen, alte Menschen, schöne Frauen mit aufregenden Dekolletees, schicke Marineoffiziere in schneeweißer Uniform. Ein alte Frau an zwei Stöcken, viel zu warm und ganz in Schwarz gekleidet, den Kopf fast auf dem Pflaster des Gehwegs, hält in einer Hand einen Pappbecher für die milden Gaben. Unzählige Touristen mit hochroter Haut vom deftigen Sonnenbrand, mit allen möglichen Kopfbedeckungen, die Wasserflaschen wie eine Monstranz vor sich hertragend. Und überall Polizisten. In unterschiedlichen Uniformen, mit und ohne Waffen, manche mit Plastikschildern. Junge Männer, junge Frauen, zu Fuß, auf Leichtmotorrädern. Sie beäugen alle kritisch, die nicht in das Schema Standardtourist oder folgsamer Bürger passen, kontrollieren Ausweise, vertreiben Nichtsnutze von schattigen Rastplätzen in der Fußgängerzone. Auch nachts stehen sie in Pulks herum, albern, die MP vor dem Bauch. Reden sie über Fußball? Das Thema in diesen Tagen. Fußball WM in Südafrika und Otto Rehakles Truppe ist dabei.

Wachwechsel am Parlament. Die bedauernswerten Evzonen in ihren irgendwie lächerlichen, weißen Wollstrumpfhosen werden von Vorgesetzten in Normaluniform kritisch inspiziert. Wenn sie wieder neben ihrem Kabuff stehen, kommt die Ankündigung, dass man sich nun mit der Wache fotografieren lassen könne, aber immer nur einer und keine unziemliche Haltung oder despektierlichen Handbewegungen. Die erste Japanerin - oder ist es eine Chinesin - stellt sich neben den Mann am Wachhäuschen, die Canons und Nikons der Reisegruppe klicken. Auf der Marmortreppe vor dem eleganten Hotel de l’Angleterre liegt ein völlig erschöpfter Hund mit einem viel zu dicken Fell. Ein feixender Mann gibt ihm in einem Becher geschmolzenes Speiseeis, der Hund rülpst und furzt und sieht sehr unglücklich aus.

Ortswechsel. Auf der hochgelegenen Dauerbaustelle, die sich Akropolis nennt, stehen Touristengruppen und hören den einzigen Griechen zu, die sich neben dem Aufsichtspersonal bei dieser Hitze hierher verirrt haben. In perfektem Deutsch und Englisch und Spanisch und Französisch, vermutlich sogar in Kisuaheli, wird erklärt, was die Propyläen sind, wo die Pallas Athene stand und warum die bezaubernden, durch die Umwelteinflüsse fast aufgelösten Kopien der Kyriatiden so heißen. Die glücklichen Gruppen haben einen der spärlichen Schattenplätze belegt, die meisten sind jedoch der Sonne Attikas voll ausgeliefert. Alle sehen dasselbe: Baukräne, Gerüste, Plakate mit EU-Emblem. Es ist klar, wer die Jahrtausendarbeiten finanziert. Vom höchsten Punkt, direkt unter einer großen griechischen Flagge, bietet sich ein weiter Blick auf den Moloch Athen, auf die unzähligen hellen Häuser, die sich bis zum Horizont erstrecken, dazwischen der einer der berühmten Hügel. Grauenvoll, der Gedanke, in dieser Zivilisationswüste sein ganzes Leben verbringen zu müssen, doch fünf Millionen Griechen, fast die Hälfte der Bevölkerung des Landes, sehen das anders.

Am nächsten Tag ein Gang durch die heiße Innenstadt. Die Suche nach einem kühlen Ort. Der schöne, ruhige Park mit schattigen Bäumen und Springbrunnen, in dem wir gestern kurz waren, ist wegen des Streiks geschlossen. Weiter, über mehrspurige, brodelnde Straßen in Richtung Zentralfriedhof. Das Tor liegt am anderen Ende, also erst einmal entlang der Friedhofsmauer. Dann hinein in das Reich der Mausoleen, der prächtigen Gräber und Skulpturen. Auch hier viele Bäume, viel Schatten und viel Ruhe. Danach wäre ein Bier nicht schlecht. Aus einer Kneipe dringt Lärm. Gebannt sitzen die Hellenen vor zwei großen Bildschirmen. Griechenland schlägt Nigeria 2:1, die Leute sind euphorisch. Sie wissen nicht, dass es trotzdem zum Weiterkommen nicht reichen wird.

Es gibt noch mehr angenehme Orte in diesem Hexenkessel. Nach der glühenden Akropolis war das neue Akropolismuseum an der Reihe. Der spektakuläre Bau beherbergt all die unzähligen Schätzen, die in Athen ausgegraben wurden und die die einmalige Bedeutung dieses Ortes über die Jahrhunderte und Jahrtausende dokumentieren. Alle Schätze werden perfekt präsentiert und sind ausführlich beschriftet. Leider sind mit die wichtigsten Kunstwerke Athens, die Friese des Parthenon weit weg, im British Museum in London. Es ist dennoch ein wahres Vergnügen entspannt durch die klimatisierten Räume zu schlendern. Auch die anderen Museen sind eine Wucht, das byzantinische Museum, komplett unter der Erde, oberirdisch nur drei kleine, wenig spektakuläre Bauten. Aber unter der Erde, Mann oh Mann. Am eindringlichsten ist aber das klassische Nationalmuseum, mit den von Schliemann ausgegrabenen Goldfunden aus Mykene, mit unzähligen Marmorstatuen wohlgeformter Götter und Göttinnen, Bronzen von Poseidon und einem Jockey auf einem riesigen Pferd, zahllosen Vasen und erlesenen Miniaturen sowie sehr sehenswerten Exponaten aus Ägypten. In allen Sälen, viel Personal, meist junge, hübsche Frauen, vermutlich Studentinnen, die sich ein Zubrot verdienen. Dieses Museum allein rechtfertigt eine Reise nach Athen, um einem die Bedeutung der griechischen Kultur auf die Geschichte des Abendlands klar zu machen, um seine kulturellen und politischen  Wurzeln zu erkennen.

Zum schnellen Lunch verlassen wir das wohltemperierte Heiligtum und setzen uns in die Hölle gleich nebenan: ein Schnellimbiss, direkt neben einer viel befahrenen Straße. Das Essen ist gar nicht so schlecht, aber höllisch ist der Verkehrslärm und der Gestank der Abgase. Auf dem Weg ins Hotel sehen wir immer mehr Polizei auf den Straßen, immer mehr Plastikschilder und Schlagstöcke. Am späten Nachmittag wird der Grund offenbar. Eine große Demonstration der Kommunisten findet statt, die gegen die globale ökonomische Krise anmarschieren. Die hat Griechenland hart getroffen. Die Preise steigen, die Löhne werden eingefroren, die Pensionen gekürzt. Stellen im öffentlichen Dienst, die Existenzgrundlage vieler Familien, werden abgebaut. Der Vetternwirtschaft, der Korruption, dem Laissez-faire geht es an den Kragen. Tausende beteiligen sich, tragen Transparenten vor sich her, schwenken Fahnen, von patriotischen Liedern und unverständlichen, einpeitschenden Parolen begleitet, die sie mit skandieren. Der Zug in Richtung Syntagmaplatz scheint kein Ende zu nehmen. Die Polizei ist erstaunlicherweise kaum zu sehen.

Das Hotel Arethusa, ein hoher hässlicher Bau, nur wenige Meter vom Syntagmaplatz und der Busstation zum Flughafen entfernt, ist eigentlich wegen dieser Lage bemerkens- und empfehlenswert. Die beiden Fahrstühle sind so eng, dass gerade mal eine Person mit Koffer hineinpasst. Einer ist defekt und der intakte hält ausgerechnet auf unserem Stockwerk nicht. Zum Glück gibt es einen Geheimtipp in Form eines Personalaufzugs im Bereich der Besenkammern. Aber das Zimmer ist in Ordnung und schön ist auch das Abendessen auf der Dachterrasse des neunten Stocks, mit Blick auf die Akropolis und unzählige Antennen über den Dächern der Stadt. Das Essen selbst ist griechischer Massentourismusstandard, nicht schlecht, aber auch nicht so, dass man noch nach einer Stunde wüsste, was man gerade gegessen hat. Aber viel besser sind die unzähligen Restaurants in der Plaka auch nicht. Die Altstadt scheint nur noch eine gewaltige Fresszone zu sein. An jeder Ecke steht ein Mann mit Speisekarte in der Hand, der einen unbedingt genau in dieses Lokal lotsen will. Die Beilagen und Salate zeichnen sich durch uniforme Gleichschaltung aus, auch der an sich wohlschmeckende griechische Bauernsalat verliert mit der Zeit seinen Reiz und bei den Hauptgerichten dominieren Gegrilltes und Moussaka die Küche. Alle zwei Minuten kommt ein, meist dunkelhäutiger fliegender Händler und will seine exquisite Chronometer oder Laserpointer, die grüne Muster auf die Straße werfen, loswerden.   

Am letzten Tag knallt die Sonne noch unbarmherziger, gleißt das Licht noch intensiver, dröhnt der Straßenlärm noch lauter und der Nahverkehr streikt vermutlich immer noch, weil Taxis praktisch nicht zu bekommen sind, obwohl massenhaft sichtbar. Zum Glück fährt der Flughafenbus, eine Stunde Fahrzeit, bei moderatem Verkehr. Aber wann ist das schon? Wir beschließen, sehr früh zum temperierten Flughafen zu fahren. Die Hürden des Eincheckens sind überwunden, die Sicherheitskontrolle hat keine unerlaubte Nagelschere gefunden, der Uzo ist erstanden. Wir sitzen im Cafe und trinken Capuccino freddo. Deutschland spielt gegen Serbien. 1:0, für Serbien. Ein letzter Tod im heißen Athen.

 

Copyright: yupag 2010

 

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