zu den Istanbulbildern

 

Notizen aus Istanbul  -  März 2010

 

Schlafen

Das Hotel hatte ich im Internet gebucht. Es sollte zentral liegen, möglichst in der Nähe der Galatabrücke, Internetzugang per WLAN besitzen und nicht allzu teuer sein. Das Hotel Turvan schien alle Voraussetzungen zu erfüllen, zudem waren die Bewertungen im Intenet zahlreich und fast immer positiv, insbesondere wurde die Freundlichkeit des Personals gerühmt. Die Anfahrt vom Flughafen mit Metro und Straßenbahn war ausgesprochen einfach, einmal umsteigen, fast eine Stunde sitzen bleiben und gerade mal 1,50 € bezahlen. Dass ich mich die letzten Meter vom Sirkeci-Bahnhof durch ein Gewirr kleiner Gassen durchfragen musste, war zu verschmerzen. Schmerz bereitete dagegen das Zimmer, das man mir im voll ausgebuchten Hotel gab. Klein, kaum dass ich mich drehen, kaum dass ich meinen Koffer auf dem Fußboden ausbreiten konnte. Das Bad ein Hohn, alles wackelte und nach dem Duschen war nicht nur das „Bad“ sondern das halbe Zimmer voll Wasser. Das Schönste aber war die Aussicht auf eine Mauer, die im Abstand von 50 cm vor dem Fenster stand. WLAN ging natürlich auch nicht und, wie sich später zeigte, gab es meistens keinen Empfang obwohl der Sender direkt im Flur war. Es war schon spät und ich hatte keine Lust, ein neues Hotel zu suchen, drohte dies aber am nächsten Morgen an. Der Manager sicherte mir zu, dass ich im Laufe des Tages ein anderes bekäme und so war es auch. Ich verbrachte nun die Tage in einem passablen Doppelzimmer mit Blick auf die Straße und ich bekam es für den selben Preis wie das Einzelzimmer und der war in der Tat kaum zu schlagen. Für eine Woche soviel wie für eine Nacht in dem benachbarten, pompös wirkenden Legacy Otoman Hotel. Das reichhaltige Frühstück war ganz in Ordnung, außer dass der Toaster nicht funktionierte und ich jeden Tag Milch anmahnen musste. Aber der Tee war gut.

 

Essen

Lokale gibt es genügend in Istanbul. Direkt vor dem Hotel liegt eine Fressgasse. Sprachgewandte Lotsen versuchen einen in ihr Lokal zu locken. Sie versprechen einmalige Küche, günstige Preise, extra Preisnachlass nur für mich. Ich mag Fisch und bestellte fast immer Fisch, musste jedoch feststellen, dass er ausschließlich auf die selbe Weise zubereitet wurde: gegrillt, mit einer rohen Zwiebel und ein paar Salatblättern. Aber er war immer frisch und schmeckte gut. Der treu blickende Restaurantlotse auf der Galatabrücke, der mich gleich am ersten Abend kaperte, warb mit grätenfreiem Fischfilet, alle Gräten würden mit der Pinzette entfernt. Auch der Kellner war freundlich und empfahl mir, nachdem ich mich nicht so recht entscheiden konnte, eine gemischte Fischplatte. Ich bestellte, ohne den Preis zu hinterfragen, weil mir die Speisekarten normal erschienen war. Die Vorspeise war ganz gut, die Fischplatte dagegen keine Offenbarung, wenig Fisch und der war trocken, keine Soße. Es war die bei weitem schlechteste Fischmahlzeit während meines Aufenthalts. Dafür war dann der Preis eine Offenbarung, es war auch die bei weitestem teuerste Mahlzeit, dreimal so teuer, wie alle danach. Das Teuere sei nun mal die gemischte Platte, gab mir der Kellner auf meine Beschwerde hin zu verstehen. Er ging 10 Lira mit dem Preis runter, weil ich bar, statt mit Kreditkarte bezahlte.

 

Bogac

Es ging wieder ums Essen. Ich stand in einer anderen Fressgasse, Sofyali in Beyoglü, und suchte vergeblich die Nummer 9, die in meinem Lonely Planet als bestes Meyhane-Lokal gepriesen wird. Sehr gutes Essen, günstige Preise, Live-Musik, tolle Stimmung, immer brechend voll. Musik war in der ganzen Straße nicht zu hören und die verdammte Nummer 9 war nicht da, wo sie logischerweise hätte sein sollen. Dafür war Bogac plötzlich neben mir, im Schlepptau einen Österreicher und sprach mich in perfektem, wirklich einwandfreiem und nahezu akzentfreiem Deutsch an. Ich suche wohl die Nummer 9, die sei aber nicht zu empfehlen, das habe er F. auch schon gesagt, sein Name sei im übrigen Bogac und wie ich denn hieße. Wenn es uns recht sei, würde er uns ein Lokal zeigen, das noch ursprünglich und unverdorben sei, in das die Türken gingen, keines wie das hier, wo nur noch Touristen überteuerte Preise bezahlen. Bevor ich recht überlegen oder gar ablehnen konnte, gingen wir schon los, zu der anderen großen Fressgasse des Stadtteils. Die Lokale sahen auch hier sehr touristisch aus, kaum gefüllt, keine Musik, keine Stimmung. Dafür bestellte Bogac für uns, suchte die Vorspeise aus, die Meyhane, pürierte Aubergine, etwas mit Joghurt und kleine Sardellen, für mich alles keine Traum einer türkischen Küche, kein Vergleich zu den Türken bei uns. Bogac bestellte auch, ohne uns weiter zu belästigen, den Fisch des Hauptgerichts, zwei verschiedene Arten, so filetiert, dass jeder einen halben bekam. Bogac selbst trank nur einen Raki. Der Fisch war gut, die Rechnung auch. Sie wäre wohl in der Nummer 9 ähnlich gewesen und alles andere sicher auch.

Wir unterhielten uns aber ganz gut an diesem Abend, manchmal kontrovers, manchmal waren wir synchron. Sein erstaunliches Deutsch hatte Bogac auf dem österreichischen Gymnasium in Istanbul gelernt, dann hatte er in Hannover studiert und ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet. Er nennt sich Dolmetscher und Übersetzer. Ich fragte ihn, ob er Orhan Pamuk übersetzt habe und dann redeten wir über türkische Literatur. Er hat etwas gegen Pamuk, wie wohl die meisten Türken. Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass sich Bogac von Job zu Job hangelte, kleiner fachliche Übersetzungen, Arbeiten für kleinere Firmen, z.B. bei Messen und dass er zur Zeit arbeitslos war. Und gegen Ende des Abends rückte er endlich heraus, warum er so lange bei uns geblieben war und soviel Zeit investiert hatte. Er brauchte dringend Geld, weil er angeblich aus dem Männerwohnheim, in dem zu wohnen er gezwungen war, herausflöge, wenn er nicht noch heute Abend seine Schulden bezahlen könnte. Er bot sich uns als Fremdenführer an, mit umfangreichem Wissen über Istanbul. Mein Begleiter lehnte dankend ab, er flog am nächsten Tag zurück, ich war durchaus interessiert und versprach mir Einblick in die Geheimnisse Istanbuls und zahlreiche Fotomotive, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Ich sagte ihm, wie ich mir einen Tag oder zwei halbe Tage mit ihm vorstellen würde und dass ich ihm die von ihm so dringend benötigten Euros geben würde, wenn er seine Arbeit getan hätte. Das aber wollte Bogac nicht. Er wollte das Geld gleich, als Vorschuss, weil es doch so dringend sei und wenn ich ihm, dieser rechtschaffenen Seele, nicht trauen würde, könnte ich ja sein Handy als Pfand haben. Dies lehnte ich aber nun ab. Was sollte ich mit einem alten Handy in Istanbul? Wir verabredeten uns dennoch für den nächsten Tag, um die Mittagszeit in meinem Hotel, aber ich merkte schon, dass sein Interesse merklich abgekühlt war und er beugte schon vor: wenn er an diesem Abend noch einen Kunden träfe, der ihn direkt bezahlen würde, ginge der natürlich vor. Das sei mein Risiko, ob ich das verstände. Ich nickte. Das war dann auch das letzte was ich von Bogac hörte. Er kam natürlich nicht in das Hotel.

 

Kultur

Sehr beeindruckend war der Besuch der Hagia Sophia, wegen der Größe und der Form dieser Kirche, die später eine Moschee wurde und jetzt ein Museum ist. Vor allem beeindruckend, wenn man bedenkt, dass sie vor anderthalb Jahrtausenden gebaut wurde, als bei uns die Bären durch den Sumpf wateten. Die frei tragende Kuppel wurde auf einem riesigen Sandberg zusammengefügt. Damit der Sand dann rascher weggeräumt würde, hatte der Kaiser Geldstücke in den Sand einbringen lassen. Das Wegräumen soll sehr schnell gegangen sein, wird berichtet. Auch die Reste der einst üppigen Mosaiken sind sehr schön, werden jedoch von denen in der Chorakirche, die in den westlichen Bezirken liegt, übertroffen. Wunderschön sind diese Mosaiken und Fresken, die etwa 700 Jahre jünger sind als die in der Hagia Sophia. Der absolute kulturelle Höhepunkt war für mich jedoch der Besuch im Archäologischen Museum. Phantastisch die Skulpturen und Reliefs aus Babylon, von den Hethitern, den Ägyptern und aus anderen Teilen des ehemaligen osmanischen Reiches. Besonders ansprechend sind die hervorragenden Zeugnisse hellenistischer und römischer Bildhauerkunst. Einfach großartig. Eine Klasse türkischer Kunststudenten besuchte gerade das Museum, darunter viele sehr hübsche Mädchen, die meisten völlig westlich gekleidet, ohne Kopftuch. Sie saßen auf dem Boden und zeichneten Skulpturen ab. Ihr Dozent erklärte einem Teil der Gruppe wortreich einen nackten Adonis. Beim Tee im Restaurant sprach ich einen der Zeichner an, ich wollte erfahren, wie ein Kunststudium in der Türkei abläuft. Der junge Mann war jedoch aus Budapest, aber genauso begeistert von dem Museum wie ich. Zur Kultur gehörte auch der Tanz der Derwische im kürzlich renovierten  Hodscha-Pascha-Kulturzentrum gleich neben dem Hotel. Sechs Männer drehten sich im Kreis, begleitet von einem kleinen Orchester. Erst langsam, dann immer schneller. Sehr konzentriert, sehr gleichmäßig. Es war beeindruckend, der Saal war voll, allerdings ausschließlich mit Touristen, nur die sind in der Lage die gesalzenen Eintrittspreise zu bezahlen.

 

Üsküdar und Bosporus

Ich wollte unbedingt nach Asien, nach Üsküdar. Irgendwie hatte ich mir etwas Exotisches, etwas Anderes vorgestellt. Bei meiner Wanderung durch den Stadtteil habe ich aber keine Unterschiede bemerkt. Vielleicht wäre mir die Geschichte mit dem Turbanopa in Europa nicht passiert, der sich, in einem Teesalon am Nachbartisch sitzend, durch meinen Fotoapparat gestört fühlte, wütend auf mich zukam und den Apparat so hinlegte, dass das Objektiv nicht mehr zu ihm hin wies. Mein Besuch auf dem höchsten Aussichtspunkt der Stadt, dem Büyük Camilka, bot einen weiten Blick und ließ die Größe dieses Molochs Istanbul erahnen. Zum Schluss des Stadtgangs war ich noch in zwei Moscheen, aber die sind sich irgendwie alle doch sehr ähnlich, selbst wenn die eine sehr schöne Fliesen und Kacheln aufwies, die einmalig sein sollen. Auf dem armenisch griechischen Friedhof machten amerikanische Studenten griechischen Ursprungs, freiwillige Gräberpflege. Die Grabsteine der Armenier zeigten neben den lateinischen noch seltsam unbekannte, eben armenische Schriftzeichen, viele der Beerdigten hießen Alisia mit Nachnahmen.

Bei schönem, aber kaltem Wetter stand dann noch eine Schiffsfahrt auf dem Bosporus an, von Eminönü bis Anadolu Kavagi. Die Fahrt entlang der dicht bebauten Ufer beeindruckte genauso wie das einmalige Panorama und die unglaublich Ausdehnung dieser Stadt. Auch die beiden großen Brücken über den Bosporus und viele Bauwerke am Ufer, wie die Festung Rümelin Hisari sind sehenswert. Am Ziel unserer Reise wartete eine Burg und zahlreiche Lokale, deren Lotsen sich auf die Touristen stürzten. Ein vollständiges Menü mit Fisch und Muscheln und Kalamaris für 6 € wurde angepriesen. Es stellte sich dann heraus, dass die Muscheln ein größerer Zahnstocher mit aufgespießten Müschelchen ware, dünn paniert und die Kalamaris gerade mal ein einziger, verloren da liegender Ring. Aber der Fisch war wie immer gut und die Beilagen wie immer eine rohe Zwiebel und etwas Grünzeug. Man saß ganz nett im Schatten alter Bäume. 

 

Was sonst noch war

Mit Alice aus Hongkong, die  in  Newcastle Taubstumme unterrichtet und deren „Sprache“ lernt, ging ich durch den Basar. Man konnte keine 3 Schritte machen ohne angesprochen zu werden, aber alles, was es dort gibt, brauchte ich nicht: keine Lederjacke, kein Seidentuch, keine Gewürze und erst recht keinen Teppich. Ein überflüssiger Besuch, wenn es nicht doch beeindruckend gewesen wäre, all diese Fülle und Exotik zu betrachten und die Menschen zu beobachten. Auch außerhalb des überdachten Basars sind die engen Straßen, die vielen kleinen Geschäfte, die spezialisierten Straßen ein einziger Freiluftbasar. Es ist erstaunlich, wie klein oft die Läden sind und ihre Besitzer anscheinend dennoch ernähren. Dann waren wir noch Essen in einem Lokal in der Nähe des Hotels. War man einmal Gast, wird man schon als Stammgast geführt, auf der Straße angesprochen und bekommt einen Spezialrabatt. Alice war schon mal da gewesen und somit gehörten wir gleich zur Familie. Sie fuhr am nächsten Tag mit dem Bus 10 Stunden lang nach Kappadokien, um dort einen Rundflug im Ballon zu machen und dann wieder 10 Stunden zurück. Eine Asiatin auf dem Weg die Welt in kleinen Häppchen zu erfahren. Sie war auch schon in Finnland in einem Eishotel gewesen, also statt in Betten im Schlafsack auf Eisblöcken. Sie kam, um das Polarlicht zu sehen, leider war es ständig bewölkt.

Schuhputzer sprechen Touristen an, hoffen auf Geschäfte. Einer wendete den Trick mit der Bürste an. Sie fällt rein zufällig dem Schuhputzer aus seinem Koffer, der Tourist macht ihn darauf aufmerksam, er will dann als Dank für die Rettung der Grundlage seines Gewerbes die Schuhe kostenlos putzen und schon hat er einen am Haken. Bei mir hatte es aber nicht geklappt, weil mir kurz vorher ein anderer die Schuhe geputzt hatte. Seine Schauergeschichte über Frau und Kinder in Ankara und er allein hier in dieser Stadt, verlassen, einsam, kaum Geld und so weiter und so weiter. Kaum dass ich mich versah, fing er an die Schuhe zu putzen, trotz meines heftigen Protestes. Als ich ihm eine Lira, statt der geforderten 5 Euro gab, war er sehr, sehr sauer. Doch als ich ihn zufällig auf der Straße noch einmal traf, war er wieder ganz freundlich.

An einem Abend, es war schon spät, kam ich auf dem Weg zum Hotel bei einem Friseurladen vorbei, der noch geöffnet hatte und beschloss spontan, mir einen Haarschnitt zu gönnen. Im ersten Stock arbeiteten die beiden jungen Brüder Ziya und Ramazan, beide sprachen keine Wort Englisch oder Deutsch und ich natürlich kein Türkisch. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Ich wollte nichts anderes als einen einfachen Haarschnitt. Ziya machte sich ans Werk. Waschen, Föhnen und dann die Haare fast einzeln, jedenfalls sehr sorgfältig und sehr kurz mit Schere und Messer und elektrischem Schneideapparat kappen. Rasieren konnte ich gerade noch verhindern, es wäre kaum was zum Wegrasieren da gewesen. Dann, ehe ich mich versah, hatte ich eine Maske aus rotem, heißem Wachs auf dem Gesicht. Alle vorhandenen Resthärchen wurden damit abgezogen, es zupfte und rupfte als Ziya das Wachs abschabte. Dann bekam ich noch eine Art sandige Creme ins Gesicht geschmiert mit anschließender Gesichtswäsche, keine Ahnung wozu das gut war. Schließlich wurden die Ohren- und Nasenhaare mit dem Feuerzeug ausgebrannt. Als er daran gehen wollte, mich mit Parfüm zu bestäuben und mit Haarwasser zu traktieren, konnte ich es gerade noch verhindern. Solch einen „Haarschnitt“ hatte ich in meinem Leben noch nie bekommen, aber es war ein vergnüglicher Abend. Die spärliche Kommunikation ergab immerhin, dass Ziya eine Freundin in München hat, deren verschwommenes Bild er stolz zeigte und dass er von deutschem Bier und deutschem Fußball schwärmte.

Das Fotografieren von Menschen ist problematisch. Die Straßen sind eng und man merkt, die Leute wollen das nicht. Es gibt aber auch Ausnahmen, Jugendliche, fast nur Jungens, drängen sich, Mädchen wehren ab und halten die Hände vors Gesicht. Eine Runde Teetrinker in einem Café will ein Foto, ein Straßenkehrer ist stolz, als ich ihn mit seinem Handwerkszeug aufnehme und auch die Verkäufer der Bratfische an der Galatabrücke haben keine Einwände. Sie stehen auf diesen prächtig verzierten und bemalten Barken, die wild am Kai schaukeln und braten kleine Fische. Dort, wo der Besuch der Stadt mit einem überteuerten Abendessen begonnen hatte, endete er auch, mit einem spottbilligen, sehr schmackhaften Fischbrötchen, Balik Ekmek. Istanbul ist auf jeden Fall eine Reise wert.

 

Copyright: yupag 2010

 

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