
Es gibt Orte, die sollte man mit ihren vertrauten Namen besser nicht benennen. Wegen der Geschichte, wegen der Befindlichkeiten, die man in einem fremden Land auslösen könnte. Im Falle Mailand und Milano ist es harmlos, bei Bozen und Bolzano wird es schon etwas schwieriger und bei Breslau und Wroclaw, Schlesien und Slansk ist man in der Klemme. Heute ist er zwar nicht mehr so problematisch wie vor 40 Jahren, aber selbstverständlich ist der Gebrauch der deutschen Ortsnamen immer noch nicht, obwohl man sogar in Polen Landkarten mit deutschen und polnischen Ortsnamen kaufen kann. Der deutschen Touristen wegen werden auch Nachdrucke von Ansichtskarten aus der Zeit vor dem Krieg angeboten, auf denen die Berlinerstraße oder die Jahrhunderthalle auf Deutsch benannt werden. Doch damals, kurz nach den Ostverträgen, nach der ersten, vorsichtigen Öffnung Polens in Richtung des kapitalistischen Westens waren die deutschen Namen strikt verpönt und bei uns war es nicht viel anders, nur umgekehrt, wehe jemand verwendete Gdansk statt Danzig oder Szczecin statt Stettin.
Görlitz, der Ausgangspunkt unserer Reise, war früher schlesisch, man hört den schlesischen Dialekt immer noch. In den Zeiten des Sozialismus war die schöne Stadt einem tiefgreifenden Verfall ausgesetzt. Nach der Wende wurde Görlitz zu einem aufgepeppten Vorzeigeort, zu einer Touristenstadt und einem bevorzugten Alterssitz für Rentner. Die Gebäude in der Innenstadt sind proper, die Straßen belebt, die Geschäfte voll. In der ehemaligen Oststadt, dem Stadtgebiet auf der anderen Seite der Neiße, heute Zgorcelec, sind die Straßen auch belebt, aber der städtebauliche Eindruck ist so, wie der von Görlitz vor 20 Jahren, eine Stadt im Zerfall mit Hinweisen auf einen Aufbruch in eine bessere Zukunft. Im Stadtbild fallen die vielen kleinen Läden auf, die Kioske, die Fryzersalons, die Minimarktstände auf den Straßen. Das Grau der Fassaden wird uns auf unserer weiteren Reise begleiten.
Die erste Station im eigentlichen Schlesien war Hirschberg, heute Jelenia Gora. Einst wie auch jetzt das Tor zum Riesengebirge, zur Heimat Rübezahls, der nach wie vor sein touristikförderndes Unwesen treibt. Im Zentrum ein schöner Marktplatz mit Arkaden, ein wuchtiges Barockrathaus, eine belebte Fußgängerzone, doch etwas weiter entfernt, in der Peripherie, sehen die Fassaden so aus wie in Zgorcelec. Einem Tipp folgend suchen wir den Ort Lomnica. Ihn zu finden war etwas mühsam, aber es lohnte sich. Ein altes Rittergut in einem wunderschönen Park wurde von der Tochter des früheren deutschen Besitzers erworben und auf beeindruckende Weise renoviert. Jetzt ist das Anwesen ein Hotel mit Tagungsstätte, ein Reiterhof, ein Restaurant und ein Laden für Landprodukte und -handwerk sind angeschlossen. Es ist in der Saison gut besucht und wir haben Glück, dass gerade ein Zimmer frei geworden ist. Von Lomnica aus machen wir Ausflüge in die unmittelbare Umgebung, in die romantische Landschaft Eichendorffs, Wiesen, kleine Flüsse, Wälder, Hügel. Man kann verstehen, dass ihn diese Landschaft zu seinen Naturgedichten animiert hat. Weniger romantisch waren die Abstecher in das knallvolle Touristenzentrum Karpacz - Krumhübel, dicht unter der Schneekoppe und in das ziemlich vergammelte, trostlose Kowary – Schmiedeberg. Dort rief uns, zum einzigen Mal auf dieser kurzen Reise, ein Jugendlicher Heil Hitler zu, als wir langsam durch die Innenstadt fuhren. Neben Eichendorff ist Gerhard Hauptmann der berühmteste schlesische Literat. In Jagniatkow – Agnetendorf steht seine Villa, inzwischen ein schön restauriertes Museum, mit einer prachtvoll ausgemalten Eingangshalle, nachdem sie viele Jahre als Kinderheim gedient hatte.
Wroclaw – Breslau, die Hauptstadt von Schlesien empfängt uns chaotisch. Aufgerissene Straßen, Umleitungen, schlechte Beschilderung und das Navi geht hier nicht. Aber wir fragen uns durch, fahren im Schritttempo durch enge Gassen mit dicht geparkten Wagen und finden eine Lücke, aus der uns jedoch gleich wieder jemand vertreibt, sie ist die eine Einfahrt zu seinem Hof. Der Verkehr und die Parkplatzsituation in der Innenstadt von Breslau sind noch schlimmer als in unseren großen Städten. Das Hotel Prima liegt an der Oder und mit ein paar Schritten ist man auf dem Rynek, dem Marktplatz mit seinen einheitlich restaurierten, historisierten Häusergiebeln, dem prächtigen Rathaus und den unzähligen Lokalen in denen sich zahllose Touristen tummeln. Mit ein paar Schritten in die andere Richtung, über die Oder, ist man aber auch in einem Viertel, das nur wenig neue Bausubstanz aufweist. Viele Häuser könnte man ohne weiteres als Kulisse für einen Film verwenden, der das schreckliche Ende der Festung Breslau zum Thema hätte. Man müsste nur die zahlreichen Satellitenschüsseln abmontieren Die bekanntermaßen guten, polnischen Restaurierungsarbeiten kann man auf der Dominsel mit seinen Kirchen bewundern. Hier liegt auch der wunderbare, riesengroße, äußerst üppige botanische Garten. Den zu besuchen lohnt sich genauso, wie der jüdische Friedhof, der etwas weiter entfernt vom Zentrum liegt. Er ist erst im 19. Jahrhundert angelegt worden und hat die Nazizeit wunderbarerweise unbeschadet überstanden. Man liest fast nur deutsche Familiennamen auf den Grabsteinen, unter anderen den des Arbeiterführers Ferdinand Lasalle.
Auf dem Weg nach Fraustadt – Wschowa, der Geburtsstadt meiner Frau, kommen wir durch Lissa – Leszno. Zwischen diesen beiden Orten verlief die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen. Fraustadt lag in einer Art Sackgasse, nach Polen ist man in den Zeiten vor dem Krieg nur gefahren, um Weihnachtsgänse zu kaufen. Lissa machte einen gepflegten, großzügigen Eindruck. Breite Straßen, ein sehr großer Marktplatz, in dessen Mitte wieder das Rathaus, beeindruckend, freistehend, wie man es im Osten oft findet. In der Bar eines alten, gediegenen Hotel, in schweren, dunklen Ledersesseln sitzend, trinken wir Kaffee. Es gibt sogar eine Touristeninformation und wir erfahren, dass es sehr schöne Seen in der Nähe gibt, ein bekanntes Freizeitgebiet und dass es in Fraustadt nur ein einziges Hotel gibt. Es liegt auf dem Weg nach Lissa. Doch als wir dort ankommen und ein Zimmer buchen wollen, sind alle ausgebucht, weil an diesem Abend eine Hochzeit stattfindet. Als Alternative empfiehlt der Wirt nach Glogau zu fahren, nochmals 20 Kilometer weiter.
Fraustadt ist geschichtlich bedeutsam, die Stadt hatte zeitweise den Rang einer Vizehauptstadt Polens und wurde von berühmten Personen aufgesucht, außerdem fand hier im 30jährigen Krieg eine wichtige Schlacht statt. Die Stadt ist im Vergleich vor 40 Jahren, unserem ersten Besuch hier, viel schöner geworden. Das überrascht zwar nicht, ist aber auch nicht selbstverständlich. Der rynek ist großzügig, das Rathaus strahlt, auch das, leider geschlossene Heimatmuseum, ist frisch renoviert, genauso wie die mächtige katholische Stadtkirche. In der Franziskanerkirche, einem Traum in Barock, findet gerade eine Taufe statt. Alle sind festlich gekleidet, das Baby schreit. Seltsamerweise haben aus der Zeit des ehemals streng evangelischen Fraustadt zwei evangelische Institutionen überlebt. Zum einen die Kirche „Kripplein Christi“, die selbst auf dem polnischen Stadtplan den deutschen Namen behalten hat. Sie ist außen etwas ramponiert und innen leider nicht zugänglich. Zum andern der evangelische Friedhof von 1609, der leider ebenfalls geschlossen war. In seiner Nähe eine weitere Überraschung des heutigen Wschowa, ein Hof mit einem halben Dutzend Kamele, die futterheischend angetrabt kamen, kaum dass man sich dem Zaun genähert hatte. Die größte Überraschung aber war, dass das ehemalige Schloss, das Zamek, Fremdenzimmer anbot und wir ganz komfortabel die Nacht verbringen konnten. Bevor wir Fraustadt verließen, gab es noch drei wichtige Dinge zu erledigen. Zum einen suchten wir das Haus auf, in dem die Eltern und Großeltern meiner Frau gelebt hatten. Ein freistehendes, großes Haus. Der Eingang sah noch aus, wie auf den alten Familienfotos. Wir gingen in den Flur, wagten es aber nicht, zu läuten. Dann das Krankenhaus, ihr Geburtsort, auch dies schien vom Äußeren zumindest unverändert zu sein. Seltsam, dass sich eine so kleine Stadt ein eigenes Krankenhaus leistet. Und schließlich noch der Bahnhof, von dem aus viele Deutsche Anfang 1945 die Flucht in den Westen angetreten haben und an dem wir bei unserem ersten Besuch vor 40 Jahren angekommen sind. Er liegt außerhalb der Stadt, ist ziemlich verwahrlost und die Züge, die hier ankommen, kann man an einer Hand abzählen.
Die letzten beiden Orte unserer Reise waren Glogau und Liegnitz. Glogau – Glogow war die Kreisstadt. Eine alte Garnisons- und Industriestadt, die ähnlich wie Breslau, am Ende des Krieges zur Festung erklärt und sechs Wochen lang von der Roten Armee belagert und dann fast vollständig zerstört wurde. Als Mahnmal erhalten ist die Ruine der einst mächtigen Nikolaikirche, die in einem Ödlandareal mitten in der Stadt liegt, von einem provisorischen Wellblechzaun umgeben. Wir kommen mit einem Mann ins Gespräch, einem hier gebliebenen Deutschen. Er erzählt von der Zeit nach dem Krieg und der Arbeit in der Kupferhütte.
Liegnitz – Legnica war die Provinzhauptstadt. Eine Stadt mit viel Grün und viel zerstörter Bausubstanz. Es fanden gerade die Jugendweltmeisterschaft im Bogenschießen statt und wir hatten Glück, dass noch ein Zimmer im komfortablen Qubushotel frei war. Die Stadt hatte eine Parade für die jungen Schützen in ihren zum Teil exotischen Trachten organisiert und ein geselliges Beisammensein in der Fußgängerzone. Bei der Besichtigung der Stadt, Kirche, Rathaus, Marktplatz, Bahnhof, Stadtpark war ein Stadtviertel besonders interessant. Es war in den Jahren des Sozialismus hermetisch abgeriegelt: Klein Moskau, die Stadt der Russen, die Kommandantur der größten Garnison russischer Streitkräfte außerhalb der Sowjetunion. Hier hat sich noch die alte Bausubstanz erhalten, in den Straßen mit vielen Bäumen stehen schöne, restaurierte Villen.
Nicht weit entfernt liegt das Schlachtfeld von Wahlstatt. In der historischen Schlacht besiegte 1241 ein deutsch-polnisches Ritterheer die Goldene Horde der Mongolen und bewahrte Europa davor, ein Anhängsel Asiens zu werden. Liegnitz, ein Symbol der deutsch-polnischen Freundschaft: zyje przyjazn polsko-niemieckiej.
Schlesisches Himmelreich, die Nationalspeise aus Kasseler, Klößen und Dörrobst hatten wir auch gegessen, bereits in Görlitz, auf schlesischem Boden, in Deutschland. Es hat leicht nostalgisch geschmeckt.