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Projekt der Werkstatt Fotografie Mannheim 2012 - "Texte und Bilder - Bilder und Texte"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Leben eines Mannes

Versuch einer Nachvollziehung

Schon als Schüler hat mich das Gedicht von Werner Bergengrün beeindruckt. Das Leben eines Mannes – wild, ungezügelt, abenteuerlich. Der Mann macht Dinge, die mich beeindruckt haben: Fische fangen, Schweine stechen, Würste machen. Aber auch Dinge, mit denen ich nicht so viel anfangen konnte: Verse lesen, Rosen setzen, Laute rühren. Und Dinge, die für mich noch in weiter Ferne lagen: Häuser bauen, Kinder zeugen, Knechte löhnen. Besonders der Schluss „Morgen bin ich tot“ befand sich völlig außerhalb meiner Vorstellungen.

Jetzt, im Alter, kann ich sagen, dass ich auch in meinem Leben vieles getan habe. Andere Dinge, als die im Gedicht. Ich habe keine Schweine gestochen und keine Netze geflickt, aber ein Haus gebaut und Kinder gezeugt und vieles auf den Weg gebracht, viele Sachen angeschafft, hergestellt und repariert. Aber auch diese Schaffensphase ist nun für mich vorüber, doch eines bin ich geblieben: ein Mann. Ein Mann mit all seinen Wünschen, seinen Ideen, seinen Phantasien. Manche Plänen, die ich schon lange gehegt hatte, kann ich erst jetzt so richtig verwirklichen, nachdem die Last des Geldverdienens und der fremdbestimmten Zeit vorbei ist. Jetzt bin ich auch d’accord mit Bergengrüns Schlusszeilen: übermorgen Kniee beugen, Knechte löhnen, Gott versöhnen. Dies geschieht bei mir, wie auch bei ihm erst übermorgen, aber tot bin ich schon morgen. Nur gut, dass keiner weiß, wann morgen ist.

Die Bilder zeigen Situationen aus meinem jetzigen, alltäglichen Leben. Die Ansprüche sind nicht mehr gar so hoch, aber was man tut, ist dennoch wichtig. Wichtig für einen selbst. Der Alltag bestimmt das Leben, nicht die außergewöhnlichen Ereignisse, die es zum Glück auch noch gibt und die zum Glück positiver Natur sind. Mit dem Alltag muss man leben und in ihm sein Glück und seine Zufriedenheit finden, dann kann sich das Leben eines Mannes erfüllen.


Werner Bergengruen wurde 1892 in Riga geboren und zur Schulausbildung nach Deutschland geschickt. Er evangelische Theologie und wechselte dann zu Germanistik und Kunstgeschichte. Im ersten Weltkrieg kämpfte er im Baltikum.  Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist, später war er freier Schriftsteller. Dem Nationalsozialismus stand Bergengruen ablehnend gegenüber, obwohl er national-konservativ eingestellt war. 1935 erschien sein erfolgreichster Roman: „Der Großtyrann und das Gericht“, der eine Auflage von über einer Million verkaufter Exemplare erreichte und von Kritikern des Nazi-Regimes als versteckte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus verstanden wurde. 1936 konvertierte er zum Katholischen Glauben, 1937 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, durfte aber weiterhin publizieren, nicht zuletzt weil er einer der beliebtesten Autoren in Deutschland war. Seine Werke wurden zum Teil verboten und illegal verbreitet und auch von den Kämpfern des Widerstands geschätzt. Er urteilte nach 1945: „Niemand darf sagen, er habe von den Greueln nichts gewußt. Was in den Konzentrationslagern geschah, das wußte jeder, wenn er nicht Gehör und Gesicht gewaltsam verschloß.“ 1946 zog Bergengruen in die Schweiz, lebte danach zwei Jahre in Rom und schließlich von 1958 bis zu seinem Tod 1964 in Baden-Baden. 1952 entstand sein wohl bekanntestes Werk der Nachkriegszeit: „Der letzte Rittmeister“. Bergengruen schrieb in der Nachfolge der großen Autoren des 19. Jahrhunderts Romane, Erzählungen und Übersetzungen, die sich durch geschliffene Sprache und klassischen, spannungsreichen Aufbau auszeichnen. Er war ein Erzähler, der sein christlich-humanistisches Weltbild in große Fabeln und Parabeln verpackte, und dabei sowohl in weit ausgesponnenen Romanen  wie auch in kleinen, oft anekdotenhaften Formen brillierte. Das Gedicht „Leben eines Mannes“ erschien 1930.
[Wikipedia 2013]